05.04.2011 | Bericht

Der Dombau von St. Stephan. Die Originalpläne aus dem Mittelalter

Führung durch die Ausstellung von Prof. Dr. Hans J. Böker

Die aktuelle Ausstellung „Der Dombau von St. Stephan. Die Originalpläne aus dem Mittelalter“ im Wien Museum war Anlass für den jüngsten ÖRV- Jour fixe. Nach einführenden Worten der Kuratorin Dr. Michaela Kronberger führte Prof. Dr. Hans J. Böker, der sich als Bauhistoriker intensiv mit den Plänen des Domes auseinandergesetzt hat, eine Gruppe von ca. 30 ÖRV- Mitgliedern durch die Ausstellung. Fragen aus restauratorischer Sicht beantwortete Mag. Verena Flamm, die einen Großteil der ausgestellten Pläne restauriert hatte.

Die 294 Planrisse auf Pergament und Papier rund um den Stephansdom im Besitz der Akademie der bildenden Künste Wien (285 Stück) sowie des Wien Museums (9 Stück) sind die weltweit größte Sammlung dieser Art. Im Jahr 2005 wurden sie in der UNESCO- Liste des Weltdokumentenerbes aufgenommen.

Die Pläne dienten als einzige verbindliche Grundlage für die mittelalterliche Großbaustelle. Begonnen wurde die Planung mit dem Grundriss, anschließend wurde der Aufriss gestaltet. Es gab immer nur einen großen Generalplan, welcher im Laufe der Bauzeit weiter detailliert oder verändert wurde. Diese Änderungen wurden immer am ersten Plan weitergezeichnet. Dazu eignete sich das Pergament als Bildträger besonders gut, da darauf besser als auf Hadernpapier radiert, ausgebessert und verändert werden konnte. Der Generalplan wurde auf der Baustelle sehr sorgfältig verwahrt und aufgerollt gelagert, Zugang hatte nur der Parlier, der stellvertretende Leiter der Dombauhütte und „Sprecher“ (daher der Name) und Anweiser der am Bau beschäftigten Zimmerleute, Steinmetze, Maurer usw.

Die Planung im großen Maßstab ließ den ausführenden Steinmetzen einen gewissen Spielraum. Als Beispiel wird ein Entwurf auf Papier für einen Dienst, eine gotische Viertel-, Halb- oder Dreiviertelsäule, gezeigt, wo mehrere Versionen mit unterschiedlichen Proportionen aufgezeichnet sind. Diese Pläne im Maßstab 1:1 waren im Gegensatz zum Generalplan auf der Baustelle für alle zugänglich.

Meist weisen die mittelalterlichen Pläne keine festen Maßangaben auf, die Höhe der Ausführung ist grundsätzlich bei Einhaltung der Proportionen beliebig. Eine Besonderheit ist daher der ausgestellte Plan der Westempore, wo alle Maße in Ellen und Zoll angegeben sind.

Die großen Aufrisspläne, z.B. der fünf Meter lange Plan des unvollendeten Nordturmes, bestehen aus mehreren Pergamentstücken, welche im Laufe des Zeichnens zur Erweiterung bzw. Verlängerung aneinander gefügt und mit Pergamentleim verklebt wurden. Vor der eigentlichen Zeichnung wurde das Pergament mit Blindlinien geritzt. Erst dann wurden die Linien in schwarzer Tinte ausgeführt. Der Erhalt der Blindlinien und Zirkeleinstiche ist für die Restaurierung eine besondere Herausforderung, da sehr sparsam und vorsichtig mit Feuchtigkeit gearbeitet werden muss.

Bei Zeichenfehlern oder gravierenden Änderungen, welche nicht mehr korrigiert werden konnten, wurde das entsprechende Blatt wieder abgelöst und die Rückseite des Pergaments anderweitig verwendet. Durch die Entdeckung solcher „ausgeschiedener“ Pläne konnten Rückschlüsse auf den Planungsverlauf gemacht werden.

Ein besonderer Fund gelang 2002. Damals wurde beim Ablösen des Unterstützungspapiers von der Rückseite eines bereits im Mittelalter hinterklebten Plans die Konstruktionszeichnung eines Baukranes entdeckt. Diese lieferte wertvolle Hinweise auf die technischen Hilfsmittel und den Ablauf auf der mittelalterlichen Baustelle.

Die Ausstellung im Wien Museum bietet wertvolle Einblicke in die Konstruktion und Errichtung des berühmten Wahrzeichen Wiens und zeigt besondere Raritäten dieser einzigartigen Plansammlung.

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